Reisen zu sich selbst

Was macht das Wegfahren so anziehend? Vielleicht ist es die Möglichkeit, die Welt – und auch uns selbst – neu zu entdecken, bleibende Eindrücke zu sammeln und Momente für die Ewigkeit zu erfahren.

Wie groß ist doch die Welt!“, sagten alle Jungen, denn nun hatten sie freilich viel mehr Platz als in dem engen Ei. „Glaubt nicht, dass dies die ganze Welt ist“, sagte die Mutter. „Die erstreckt sich noch weit über die andere Seite des Gartens, gerade hinein in des Pfarrers Feld. Aber da bin ich noch nie gewesen!“ Wie die Entenmutter in Hans Christian Andersens Märchen „Das hässliche Entlein“ wissen wir genau, dass unsere Welt nicht vor der Haustür endet, und doch: Wie oft begeben wir uns wirklich auf Ent-deckungskurs? Raus aus der Komfortzone! Der Urlaub ist eine gute Möglichkeit, den Horizont zu erweitern, etwas Neues zu wagen und alte Pfade zu verlassen. Denn Reisen bringt nicht nur unseren Körper an einen anderen Ort, auch in unserem Inneren kommt unterwegs dadurch Einiges in Bewegung.

Erwartungsdruck zu Hause lassen

Ein Städtetrip nach Paris und dabei den Eiffelturm auslassen? Nein, das geht gar nicht, finden die einen. Doch jeder von uns tickt anders. Für den einen ist der Besuch des Eiffelturms etwas Wunderbares und Erfüllendes, bei den anderen löst der Anblick rein gar nicht aus. Für sie ist es vielleicht spannender, in den modrigen Flohmarktkisten an der Seine zu stöbern und bei einem Kaffee die Leute auf der Straße zu beobachten. Klären Sie daher vorab mit Ihren Mitreisenden die persönlichen Erwartungen ab. Was möchte jeder gerne sehen oder erleben? Muss wirklich jeder Urlaubstag genau durchgetaktet sein? Kultur bildet, aber sie kann auch zu viel werden. In der Psychologie werden kulturelle Reizüberflutungen auf Reisen als „Stendhal-Syndrom“ bezeichnet und können zum Beispiel zu Panikattacken oder Erschöpfung führen. Planen Sie deshalb beim Sightseeing unbedingt Erholungspausen ein. Füße hochlegen ist im Urlaub durchaus erlaubt und tut der Seele gut.
Wer von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzt, kratzt an der Oberfläche und flüchtet vor der Begegnung mit dem eigenen Selbst. Um auch mit der eigenen inneren Welt in Kontakt zu treten, brauchen wir ein wenig Zeit und Ruhe. Dazu gehören die Mußestunden, in denen wir einfach nur am Meer sitzen und der Sonne beim Untergehen zusehen oder faul in der Hängematten liegen und die Gedanken ziehen lassen, wie die Wölkchen am Himmel. Auch wenn es schwerfällt, nichts zu tun, es ist wertvoll. Reisende brauchen Zeit. Zeit, um die Atmosphäre des Platzes mit allen Sinnen aufnehmen zu können. Zeit, um die regionalen Speisen zu genießen. Zeit, um mit den Einheimischen ins Plaudern zu kommen und Zeit, um die Eindrücke nachhaltig im Langzeitgedächtnis abzuspeichern.

Langsam bringt mehr

Wie viele Reisen haben wir erlebt, wo wir von Museum zu Museum gejagt sind und alle Höhepunkte des Landes wie auf einer To-do-Liste abgehakt haben? Zu Hause verschmelzen sie zu einem verschwommen Erinnerungsklumpen. Das Gefühl breitet sich aus, zwar viel gesehen, aber wenig erlebt zu haben. Es fehlen der Austausch und die Begegnung zwischen dem besuchten Ort und einem Selbst. Damit das gelingt, braucht es Mut zur Lücke. Es lohnt sich die Komfortzone zu verlassen und den Perfektionisten zu Hause zu lassen und sich Zeit zu nehmen, um wirklich anzukommen. Erst dann können wir uns für das Neue öffnen und sehen klarer. Alte Probleme können aus einer neuen Perspektive betrachtet werden. Der Blick weitet sich für Alternativen. Manche Menschen ändern ihr Leben von Grund auf, wenn sie nach einem Urlaub zurückkehren.
Wie bei einer Meditation, die uns in eine andere Existenzebene führt, betreten wir im Urlaub auf einmal eine neue Realität. Wir spüren wieder unsere eigenen Wünsche und lenken die Aufmerksamkeit auf Dinge, die uns wichtig sind. Der Reiseschriftsteller Dan Kieran sagt dazu „slow travel“. Reisen ist für ihn keine Flucht aus dem Alltag, sondern ein Teil eines persönlichen Heilungsprozesses, bei dem Müßiggang und Geschwindigkeitsreduktion eine bedeutende Rolle spielen. „Wann immer es geht, nehme ich die langsamere Route, weil sie der Reise und den Orten, die ich besuche, eine viel größere Bedeutung verleiht, als wenn ich einfach über das Meer fliege – auch wenn das sehr viel effizienter sein mag“, verrät Kieran. Vor allem verändere aber das langsame Reisen die Art und Weise, wie sein Verstand die Welt interpretiert. Situationen werden achtsamer wahrgenommen und die Magie des Augenblicks kann sich entfalten.

Raus aus der Komfortzone - Reisen

Raus aus der Komfortzone

Manchmal werden wir beim Reisen aus unsere Grenzen gebracht. Warteschlangen vor den Tempelanlagen, eine Baustelle im Luxushotel oder Verspätungen bringen das Blut in Wallung. Einige Urlauber überwinden ihren Ärger den gesamten Urlaub nicht, während es andere gelassen nehmen, ihre Erwartungen über Bord werfen und sich in Geduld üben. Nicht immer läuft alles so wie geplant. Schwierige Situationen müssen gelöst werden. Doch gerade solche Situationen lassen uns wachsen und schenken uns neue Fähigkeiten. Selbst wenn wir das gar nicht wollen.
Häufig sind die besten Reiseerlebnisse jene, die nicht akribisch geplant werden, sondern unterwegs einfach so passieren – die Komfortzone verlassen. Das kann eine zufällige Begegnung sein, aber auch die Entdeckung von etwas Unerwartetem – wie einer versteckten einsamen Bucht oder der Draufgänger in uns selbst. Das kreative Festhalten des Erlebten, ob digital oder in einem Tagebuch macht die Tage abseits vom Zuhause noch intensiver. Auf Reisen sind unsere Sinne geschärft und wir haben die Möglichkeit, völlig neue Welten zu entdecken.

Horizont erweitern

Im Urlaub probieren wir Sachen aus, die wir uns zu Hause nicht getraut hätten – verlassen der Komfortzone. Wir fühlen uns unbeobachtet und frei. Die Angst vor einer Blamage sinkt, schließlich ist man in einem fremden Land, wo die Leute einen häufig nicht persönlich kennen. Dieser positive Schwung kann bewusst genutzt werden, um den lang ersehnten Surfkurs zu machen, eine Gesangsstunde zu nehmen oder mit dem Flying-Fox die Schlucht hinunter zu sausen. Das Adrenalin schießt dann durch den Körper. Glückshormone werden gebildet. Das Selbstwertgefühl steigt. Unser Gehirn wird stimuliert und speichert die intensiven Erlebnisse.
Verlassen wir unsere vertraute Komfortzone und tauchen in eine neue Welt ein, verändert sich etwas in unserem Leben. Im Alltag ist das oft schwierig. Das Gewohnte lässt uns das Staunen verlernen. An einem anderen Ort wird unsere Aufmerksamkeit wieder auf die kleinen Wunder der Natur gelenkt. Plötzlich hört man das Plätschern des Bachs und das Zwitschern der Vögel. Beim Beobachten kommen wir zur Ruhe und mit der Schöpfung in Kontakt.
Um sich von der Schönheit der Welt berühren zu lassen, braucht man geschärfte Sinne und ein volles Bewusstsein, findet Kieran. Der Fokus muss auf das Hier und Jetzt gelenkt werden. Also lehnen Sie sich zurück, schließen Sie für ein paar Minuten die Augen, atmen Sie tief und spüren Sie in sich hinein. Was nehmen Sie aus diesem Moment, aus diesem Urlaub für sich mit? Egal, was es ist, auch ohne Erinnerungsfoto oder Selfie bleiben diese Glücksmomente für immer im Gedächtnis.  \\

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